Belustigung (2. August 2026)
Samstag, Ingolstadt. Fußgängerzone. Die Stadt wirkt träge. Leute sitzen in Cafés oder auf Bänken, wo sie nichts kaufen müssen. Manche schlurfen erschöpft durch die Straßen. Viele wirken gestresst. Grummelige Gesichter. Manche Läden sind voll, andere stehen leer, dazwischen Schilder: „Wir schließen für immer.“Wir kommen mit dem Tandem – als Clowns „Glucks und Oma“, mit Sound, auf Augenhöhe mit den Menschen, die im Café oder auf den Bänken sitzen. Wir bleiben stehen, spielen und laden zum Sommerfest der Straßenambulanz ein, der Anlaufstelle für obdachlose Menschen in Ingolstadt.
Passanten sehen uns. Mundwinkel gehen hoch. Zwischendurch sagt ein Mann zu uns: „Wie schön, von euch belustigt worden zu sein!“
„Belustigung – was für ein schönes deutsches Wort. Wird völlig unterschätzt!“, erwidert Oma und lässt sich das Wort auf der Zunge zergehen wie ein Stück Donauwelle.
Und ich frage mich: Warum investieren wir nicht mehr in genau diese kleinen, unspektakulären Momente? Jeden Tag ein anderer Act in Städten und Dörfern – ernst, lustig, poetisch, wild, leise, laut oder experimentell, alles durcheinander. Nicht die geballte Ladung an ein paar Tagen im Jahr, wie es in vielen Städten üblich ist, sondern etwas, das bleibt.
365 Tage. Ein Act. Mehr nicht.
Professionelle Künstlerinnen und Künstler, fair bezahlt. Nicht kuratiert, nicht ausgesiebt, nicht zensiert. Keine Konkurrenz untereinander, sondern die einfache Regel: Wer professionell arbeitet, kommt dran. Kunst muss entstehen können, atmen, scheitern, wachsen. Das Publikum entscheidet selbst, was ihm gefällt. Nicht nur wenn gerade Festival ist oder die Sparkasse Geburtstag hat.
Nicht dieses sperrige Wort: „Raum für Zwischennutzung.“ Jetzt dürft ihr da gnädigerweise was machen, gratis. Publikum müsst ihr selber mitbringen.
Orte, die das wagen, würden anders atmen: Passanten bleiben stehen, ohne zu wissen warum. Manche lächeln das erste Mal seit Stunden. Manche gehen weiter und sind danach irgendwie weniger allein. Andere schütteln den Kopf: „Ich habe heute nix kapiert.“ Städte brauchen Leben: Zeit für den Kopf, Zeit fürs Herz. Vom Einkaufen allein wird keine Stadt lebendig.
Ich weiß beim Schreiben, dass das vermutlich nicht passieren wird. Nicht weil die Idee kompliziert wäre, sondern weil für genau solche Dinge kein Geld vorgesehen ist. Die Leute haben sich daran gewöhnt, dass Konzepte alles zerteilen und zerreden. Papiertiger statt Papierflieger.
Vielleicht sind viele einfach zu müde, um sich aufzuregen. „Kein Geld“ – das Argument zieht immer. Für das, was das Leben lebenswert macht, bleibt fast nichts übrig. Über die Stimmung hierzulande braucht man sich nicht zu wundern.
Ich gewöhne mich nicht daran. Vieles scheint wie in Stein gemeißelt, obwohl es das gar nicht sein müsste. Ich kann darüber nur lachen oder weinen. Und wenn ich spielen kann: spielen.
Hoffentlich hängt nicht irgendwann irgendwo ein Schild: „Belustigung: dauerhaft geschlossen.“



