Springt! Springt! – und keiner weiß warum (22. Juli 2026)

Ich mache morgens eine kurze Pause beim Bäcker. Ich sehe Jugendliche auf Stühlen, S-förmig über ihre Smartphones gebeugt. Sie schauen regungslos drauf, wie in Schockstarre oder von einer Schlange hypnotisiert.
Später strömen Schulklassen in unsere Vorstellung. Alle Erstklässler aus einer Augsburger Grundschule kommen zu Besuch ins Theater. „Das ist kein Schaukelstuhl, sondern ein Theatersessel!“, höre ich eine Lehrerin zu den Kindern sagen.
Seltsam, denke ich mir. Jüngere Kinder können selten ruhig sitzen bleiben, und Jugendliche kleben freiwillig in S-Form auf Stühlen fest. Wann hört dieser immense Bewegungsdrang bei manchen Menschen auf?
Mit roten Nasen betreten Judith als „Oma“ und ich als „Glucks“ die Bühne. Der zusammengeklappte Notenständer, den Oma mir mitgebracht hat, ist für mich das neueste Smartphone! Ich spiele ein imaginäres Telefongespräch mit schlechter Verbindung. Ich klappe einen Bügel des Notenständers um und habe ein Telefon mit Antenne, um den Empfang zu verbessern. So ein altmodisches Gerät kennen die Kinder gar nicht mehr. Oma nimmt mir den Notenständer ab und klappt ihn auf. „Ui, ein Roboter“, sage ich und bewege mich roboterartig. Die Kinder lachen und belehren mich naseweis: „Das ist ein Notenständer!“
Ich sage: „Oma, wozu brauche ich denn einen Notenständer? Ich kann doch überhaupt keine Noten lesen, und für unser Lied brauchen wir keine Noten. Das singen wir so, wie es uns passt!“ Wir singen. Hinterher verwandelt Oma unsere Sitzbank in ein Pferd. Westernsound erklingt. Die Kinder reiten mit, die Theatersessel verwandeln sich ebenfalls in Pferde – wild die einen, zahm die anderen.
Einzelne Kinder kommentieren und sagen alles, was sie gerade denken. Wahrscheinlich werden einige von ihnen später mal Sportkommentatoren. Als wir auf dem Mond landen, ruft der Hauptkommentator der heutigen Vorstellung: „Wie hoch könnt ihr springen?“ Und weil wir nicht über jedes Stöckchen springen, das er uns hinhält, sagt er eine Spur energischer: „Springt! Springt!“
„Schschh!“, ertönt es von den Erwachsenen im Raum, und auch wir halten inne und warten einen Augenblick. Plötzlich ist es ganz ruhig. Wie schön so eine Ruhe sein kann! Prompt liegt Staunen in der Luft. Wir fliegen durchs Weltall und wieder zur Erde zurück. Wir landen im Meer. Plötzlich bewegt sich die Mülltonne und saust über die Bühne. Oma kommentiert: „Unerhört, wie verschmutzt die Meere heutzutage sind!“ Und da erwacht der Sportkommentator links außen wieder zum Leben: „Da müssen Räder dran sein! Das kann nur ein ferngesteuertes Auto sein! Hebt die Mülltonne hoch!“
Wir folgen seiner Anweisung auch diesmal nicht. Stattdessen entdecken wir in der Mülltonne eine Schatzkarte, die uns zu dem geheimnisvollen Schatz führt.
„Bücherschatz“, liest ein Kind den Titel des Buchs vor. Wir klappen ein großes Buch auf. Ein Raunen geht durch den Raum. Heute sitzt auch Julien im Publikum. Ihm verdanken wir dieses wunderschöne Buch mit den vielen kleinen Büchlein, die unsere ganze Theaterreise bebildern.
Am Ende gibt es Applaus für alle. Nur ein paar Kinder sind noch nicht zufrieden und rufen im Chor: „Hebt die Mülltonne hoch! Hebt die Mülltonne hoch!“ – „Nö, die Mülltonne heben wir heute nicht hoch!“, sage ich. Das akzeptieren sie und rufen nicht mehr, sondern winken uns. Eine Lehrerin erzählt, dass sie heute morgen den Bus verpasst haben und den ganzen Weg von der Schule laufen mussten. „Aber trotzdem wart ihr pünktlich!“, sagt Oma gutgelaunt. Wir verabschieden uns herzlich von den Kindern, und ein Kind raunt mir zu: „Mein Freund hat ein ferngesteuertes Auto – mit siebzig PS!“
Dann machen wir draußen Fotos mit Frauke und unseren neuen Dreirädern. Herrlich ist es in der Sonne. Jugendliche schauen verwundert, als wir als Clowns den Skatepark stürmen. Irgendwann schallt Musik aus einem ihrer Smartphones: Pennywise. Horrorclownmusik. Das finden sie lustig.
Später schaut noch Bernd auf seinem Hochrad vorbei. Vor kurzem hat er sechzehn Bundesländer in sechzehn Tagen mit seinem Tandem durchquert. Das muss man auch erst mal schaffen! Nach der Radtour sitzt er immer noch gerne fest im Sattel. Heute, auf dem selbstgebauten Hochrad, haben wir uns für eine Runde im Westpark verabredet.
Nach unserer Fotosession beschließe ich, mein wunderschönes Dreirad nicht mittels fahrbarem Untersatz und Pferdestärke ins Lager zu bringen, sondern mit bloßer Beinkraft. Von einem Stadtteil in den anderen. Schade eigentlich, dass die B17 nicht mehr gesperrt ist wie am Samstag bei der Radlnacht, da hätte ich Vollgas geben können, aber so fahre ich lieber gemächlich. Der Verkehr ist laut und hektisch. Wildgewordene E-Roller und E-Bikes flitzen an mir vorbei. Nur eine Frau mit Rollator hat es nicht so eilig, lächelt mich verschmitzt an, bestaunt meine schöne Blumenvase am Lenker und merkt an: „Schöne Blume!“
„Das Dreirad ist ganz neu!“, platzt es aus mir heraus wie aus einem dreijährigen Kind, während ich in Zeitlupe neben ihr her fahre, damit wir plaudern können. Im Schneckentempo kriechen wir ein Stück gemeinsam die Straße entlang, bis sie abbiegt. Vier Bauarbeiter halten ein Gerüst fest und grinsen in meine Richtung. Sie rufen: „Ein Auto kann hier nicht durch, aber du mit deinem bunten Rad schon!“ „Stimmt!“, antworte ich: „Das ist mein Schleichweg!“ Ich schlängele mich an den Baustellenfahrzeugen vorbei und schleiche in schneller Schrittgeschwindigkeit davon.
Zu Hause angekommen mache ich eine Pause und schreibe. Auch eine Form von Innehalten in dem ganzen Trubel dieser lauten, wilden und schönen Stadt. Vielleicht muss man nicht über jedes Stöckchen springen …
 
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